0 0

 



24. Oktober 2020

Ausflugs-Tipp der Woche in die Sprachregion Franken (Teil 2)

Aus: »Gräschkurs Fränkisch« von Helmut Haberkamm

Mit der beginnenden Kälte haben wir uns gedacht, wir nehmen Sie wieder mit auf einen Sprach-Ausflug. Der Ausflug heute führt uns erneut in den fränkischen Dialekt mit »Gräschkurs Fränkisch« von Helmut Haberkamm. Der zweite Teil erzählt von den Verniedlichungen im Fränkischen, nachstehend finden Sie einen Auszug von Kapitel 4.

 

Kapitel 4

Im Kleinen ganz groß – Verkleinerungen und Verniedlichungen

 

Verkleinerungen gibt es wohl in allen Dialekten der Welt. Sie klingen nur immer wieder etwas anders. Vom Bairischen her kennen wir etwa das Schmankerl und Haferl, ebenso das Dirndl, Stüberl und Marterl – man benutzt sie sogar hierzulande, wo diese Formen eigentlich nichts verloren haben. A Bussl ist im Fränkischen ein Puzzle und kein Kuss (Busserla) oder Bulli bzw. Transporter (Busla).

Im Fränkischen wird ständig und überall verkleinert und verniedlicht, allerdings ohne die Nachsilbe -chen, denn die gibt es im Fränkischen gar nicht. Die gängige Endung in der Einzahl ist das -la. Deswegen befinden wir uns mit der fränkischen Mundart tagein, tagaus im La-La-Land.
Das fängt mit dem Waggerla und Bobberla an, geht dann über zum Grischberla und Heichderla, das schaut wie a Acherla, wenn’s blitzd. Dann wachsen sie daher zum Freggerla und Hascherla, zum Berschla und Gerschdla, bis es heißt: »Des Maadla is aufganga wie a Hefferkiegla – a Moo is hald immer nu der greßde Diggmacher.«
Gemeint ist damit nichts anderes, als dass das Mädchen (ungewollt) schwanger wurde und einen dicken Bauch bekam. Das Hefeküchlein dient als Emblem guter Hoffnung.

Abroboo Maadli. Anders als die deutsche Schriftsprache (ein Mädchen – zwei Mädchen) unterscheidet das Fränkische konsequent zwischen Einzahl und Mehrzahl: aa Maadla – zwaa Maadli (oder Maadle). Hier ist die Mundart klarer, präziser und schlüssiger als das Standarddeutsche.

Im Fränkischen wird selbst dort verkleinert und verniedlicht, wo es eigentlich gar nicht geht. So wird der Allmächtige verkleinert zu Achgoddla oder Achgodderla. Auch das Allerkleinste wird gern noch weiter verwinzigt, etwa a weng zu a wengerla. Das alte Wort Trumm kennt das Schriftdeutsche nur noch in der Mehrzahl Trümmer. Im Fränkischen gibt’s das Trumm noch sehr häufig, oft als mords Drumm oder eben verniedlicht zum Drümmla bzw. Drimmla. Zuweilen mischen sich sogar Einzahl und Mehrzahl zu a Drimmer Schelln oder a Drimmer Schnitzl.

Kurios ist, dass wir in unserem hiesigen Dialekt auch ein Tätigkeitswort verkleinern: Das schöne Wort siggsdersla bedeutet wörtlich nichts anderes als »siehst-du’s-lein«. Was im Duden-Deutschen völlig bescheuert klingt, gewinnt im Fränkischen eine universale Größe und Einsatzfähigkeit.
Aber es wird noch schöner! In unserer Mundart können wir sogar das kleine Wort so verkleinern zu sodderla (oder sooderla), und dann daraus eine Allzweckformel im Alltagsleben machen:  »Sooderla! Siggsdersla! Etzerdla!« Genau! Zeitbestimmungen können wir auch verkleinern, also jetzt zu etzerdla, ebenso auch nachher zu nacherdla. Sehr schön klingt das auch in Kombination: »Etzerdla nedd – nacherdla!«

Aber zurück zur Klangfülle, Hintergründigkeit und Kreativität des Dialekts. Nicht genug, dass man im Fränkischen auch Grußformeln verkleinern kann, wie zum Beispiel Brösdla!, Servusla! (zur Begrüßung ebenso wie zum Abschied), Adela! oder Dschüßla! Nein, man kann auch neue Wörter kreieren mithilfe der Verkleinerung.
Könnte man nicht auch Allmächdla oder Sabberlodderla sagen? Oder frieherla und späderla? Doohasdersla? A Soocherla? A weng a Stressla kabbd? Warum sagen wir »Woor« und »Zeich«, aber noch nicht Woorla und Zeichla? Das Sächla gibt es doch auch für einen armseligen Betrieb. Sogar das Dingerla hört man für ein kleines Ding, ein Kind oder eine kleine Person. Klingt das Fränkische mit diesen Verniedlichungen nicht weitaus lieblicher, etwa beim harten Wort »Tüte«: »Häddns a weng a Diedla?« Oder die exotisch klingende Aufforderung, eine Weile zu warten: Waddawaala!
Das erinnert an den Ausspruch einer Frau, die etwas bombastisch Angekündigtes als eher unspektakulär abtat mit den Worten: »Wunner wos fier a Wunnerla dass des widder woor.« Nicht einmal ein kleines Wunder, also nicht so berauschend.


zurück